Wort des Lebens für September

„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“
(Römer 13,10)


            In diesem Monat beschäftigen wir uns mit diesem Wort, das von einem leidenschaftlichen Prediger stammt, von Paulus. Wir nehmen dieses Wort und wollen damit Gott entdecken. Vermutlich ist das die Sehnsucht, die uns Lesende verbindet. Ich bitte Gott, dass er uns mit diesem Wort berührt.

            Paulus, das versuche ich mir vorzustellen, war ein von Gott ergriffener Mensch. Er war unterwegs, um für seinen Gott Recht und Ordnung herzustellen. Er verurteilte und verfolgte die Christen, weil sie das Gesetz nicht hielten. Er war ein Lehrer der Schrift, der Tora, und mit dem Eifer aufgewachsen, alle Gesetze einzuhalten.

            Ich kenne das, mit einem Eifer aufgewachsen zu sein. Wo man hineingeboren ist, das prägt den Eifer. Ich denke an einen Bereich meines Schicksals: meine musikalische Familie. Klar, dass ich Musizieren lernen sollte. Ich wollte Klavier lernen und hatte jahrelang als streng empfundenen Klavierunterricht. Freude und Druck, Eifer und Krampf, wenn ich nicht geübt hatte. Kennst du ähnliches?

            Für Paulus kam ein Wendepunkt, ein lebensentscheidender Meilenstein, als er auf einer Reise überraschend dem auferstandenen Jesus begegnete. Er beschrieb hinterher, dass er von besonderem Licht und Helligkeit umgeben war; er konnte nicht mehr sehen. Eine Stimme rief ihn beim Namen und sprach: „Warum verfolgst du mich?“ So erkannte er seinen Herrn. Er war erfüllt. Von dort an weitete Paulus seine Lehre auf all das, was Jesus ihn hatte verstehen lassen, und verknüpfte es mit der lebendigen Erfahrung, ihm als dem Gekreuzigten und Auferstandenen begegnet zu sein. Jesus Christus wurde Zentrum seines Lebens. 

            Das „Wort des Lebens“, das wir hier betrachten, ist also aufgeschrieben von einem, dessen Herz voll war, angefüllt war von einer umwälzenden Begegnung mit Jesus:


         „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“


            Beziehen wir das Wort auf uns. Die Liebe. Die Liebe für den Nächsten. Die Liebe, die dem Nächsten nichts Böses tut. Und dazu die Erfahrung von Paulus: Jesus ruft mich.

            Die Liebe nehme ich schon lange als Leitmotiv mit in meinen Alltag. Sie kann mich retten, wenn mich Kompliziertes überrumpelt, oder wenn ich mich skrupelhaft frage: „Was soll ich jetzt tun?“ Die Liebe braucht Weite, und sie erlaubt ein großes „Wer weiß?“. Ich werde auf meinem Weg keine Expertin, keine Richterin für das richtige Leben vor Gott. Ich will ungewöhnliches Handeln und Leben anderer respektieren. Ich will üben, dass ich erkenne, wie weit die Liebe gehen kann, und dass sie Unerwartetes, Ungewöhnliches, Fantasie- und Kunstvolles hervorbringt. Wie dankbar bin ich für die Möglichkeit, mich an die Liebe zu binden. Hier erlebe ich Auswege und Wendepunkte. Auch bei meiner Musik: Irgendwann habe ich den Druck rausgenommen – auch aus Liebe zu mir selbst – und habe versucht, ehrlicher und zugewandter vor meinen Lehrern zu spielen. So, wie es ging.

 
         „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“

        
            Martin Luther betont in seiner Auseinandersetzung mit Paulus die Freiheit, die in den Paulusbriefen ganz zentral ist: Der Glaube allein führt dazu, dass zwischen Gott und Mensch alles in Ordnung ist. Keine Skrupel, kein schlechtes Gewissen des Menschen sollen hier noch sein. Hier – im Glauben – befindet sich für den Menschen der Wendepunkt: die Freiheit, aus der die Impulse des Menschen zur Liebe kommen. Des Menschen Handeln wird Gott nicht berücksichtigen. Allein der Glaube zählt.

            Ich glaube, dass sich unsere Liebe in der Verbindung zu Gott an die Fülle koppelt und dass die Erfüllung des Gesetzes deshalb geschehen kann. Der Gott, an den ich glaube, ist wie eine sprudelnde Quelle, die Gefäße (wie mich und dich) füllen kann. Wie würdest du es beschreiben? Wohin nimmst du dieses Wort? Was erlebst du damit?

            Wenn ich heute als Kirchenmusikerin im Gottesdienst musiziere, denke ich dabei viel an Gott. Ich bete, dass er mich anfüllt und auch durch mich in der Musik spricht. Meine Bitte um Liebe beim Musizieren im Gottesdienst macht mich locker. Und die Menschen haben ein Gespür für diese Liebe. Denn sie singen, sie singen so wunderbar.

Ulrike Egermann, Hamm

 

 

 

 

                © Alle Rechte an der deutschen Übersetzung beim Verlag NEUE STADT, München

                Das „Wort des Lebens“ erscheint auch in der Zeitschrift NEUE STADT. Eine kostenlose Probenummer oder ein Abonnement (jährlich € 49,- bzw. CHF 66.90) können Sie bestellen bei: Redaktion NEUE STADT, Hainbuchenstraße 4, 86316 Friedberg, redaktion@neuestadt.com oder bei Verlag Neue Stadt, Heidengasse 5, 6340 Baar, verlag@neuestadt.ch