Strukturen sind nicht alles: Warum Synodalität alltagstauglich ist

Der Synodale Weg steht für einen Reformprozess in der katholischen Kirche. War die Vollversammlung des Synodalen Wegs Ende Januar in Stuttgart der Schlusspunkt? Oder geht Synodalität weiter – und hat vielleicht sogar etwas mit mir zu tun? Ein Interview. 

In der katholischen Kirche ist Synodalität ein Thema geworden, als Papst Franziskus 2021 die Kirche weltweit zu einem synodalen Prozess eingeladen hat, um Reformen anzustoßen. Bei einer Veranstaltung der Fokolar-Bewegung in der Nähe von Graz (Österreich) lässt der Theologe und Priester Michael Berentzen anklingen, dass Synodalität keineswegs eine rein kirchliche Angelegenheit bleiben muss. Im Interview erklärt er Synodalität als alltagstauglich für jede und jeden.

Frage: Wer Sie über Synodalität sprechen hört, bekommt bei aller kritischen Einordnung Ihrerseits doch auch viel Leidenschaft für das Thema zu spüren. Woher kommt diese Leidenschaft?

Berentzen: Synodalität fasst für mich viel von dem zusammen, wie ich mir die Kirche wünsche: Ein Ort, an dem alle, die möchten, Platz haben, an dem Unterschiede in Mentalität und Meinung Ansporn sind, das Gegenüber besser zu verstehen, ein Ort, der Menschen motiviert, sich selbst einzubringen und mit anderen um sich zu schauen, wer Stärkung und Solidarität braucht. Und das alles im gemeinsamen Vertrauen, dass der Geist Gottes zu all dem Wesentliches beiträgt. In mir spüre ich den großen Wunsch, eine solche Kirche mit anderen zu erleben und zu gestalten.

Sie sprechen davon, dass die Synodalität der Kirche ein Zeugnis sein kann für Dialog, Zusammenhalt und Machtgebrauch. Das bedeutet doch, dass Synodalität nicht nur etwas mit kirchlichem Leben zu tun hat. Lässt sich Synodalität auch im Alltag eines ganz normalen Menschen umsetzen?

Ganz bestimmt. Synodalität wird oft als etwas Strukturelles beschrieben. Als müsste erst etwas von oben organisiert werden, damit es gelebt werden kann. Vieles muss auch auf der strukturellen Ebene geschehen. Aber Synodalität erinnert immer daran, dass Jesu Nachfolge ein Zusammen-Weg ist. Sie fordert alle heraus, darauf zu schauen, wie Jesus in den Dialog tritt, Menschen zusammenführt und vom Umgang mit Verantwortung spricht. Strukturen, die partizipativ gestaltet sind, aber nicht von den Menschen, für die sie gemacht sind, mit christlichem Geist gefüllt werden, geben kein Zeugnis. Menschen, die sich nicht entmutigen lassen, sich innerhalb oder auch außerhalb der Strukturen in den Dienst von Vergemeinschaftung zu stellen, hingegen schon.

Bei der Synode in Rom: Michael Berentzen (l.) war als Assisten des Synodensekretariats dabei.

 

Ich nenne es mal eine „synodale Methode der Gesprächsführung“, die Sie in Graz als „ein Gespräch im Heiligen Geist“ bezeichnet haben. Wie funktioniert das? 

Die Methode des „Gesprächs im Heiligen Geist“ ist ein Instrument für Dialog, der das Zuhören in den Mittelpunkt stellt und darauf setzt, dass über dieses Zuhören für alle etwas Neues hervortritt, das klärt und verbindet. Papst Franziskus hat diese Methode für die Bischofssynoden eingeführt. Wichtig ist bei der Gesprächsform zunächst, dass alle Beteiligten ihre Perspektive einbringen. Die Stille, die darauf folgt, hilft dabei, nicht dem eher alltäglichen Impuls zu verfallen, direkt eine Antwort zu formulieren, sondern in der Haltung zu verweilen, den Beitrag des Gegenübers verstehen zu wollen. Dann ist wichtig, das Gemeinsame festzuhalten, was schon etwas Klärendes mit sich bringen kann. Genauso wichtig ist, deutlich zu benennen, wo sich Unterschiedlichkeit und auch Dissens zeigt. Nach einem wiederholten Moment der Stille kann dann überlegt werden, wie mit dem Dissens weiter verfahren wird. Das Gespräch im Heiligen Geist ist also nicht eine Methode, um zu Entscheidungen zu kommen, sondern schafft eine Grundlage, auf der Entscheidungen im Verständnis füreinander getroffen werden können.

In einem anderen Vortrag weisen Sie darauf hin, dass die Synode auch kirchenintern auf viel Gleichgültigkeit stößt. Wie können Sie, wie kann ich das ändern?

Die Gleichgültigkeit kann aus Erfahrungen von Frust mit synodalen Formaten oder auch aus Skepsis gegenüber den Anliegen der Synodalität heraus entstehen. Oder aus dem Wunsch, einfach an Gottesdiensten und anderen Angeboten teilzunehmen, egal wie die kirchlichen Strukturen im Hintergrund sind. Will ich selbst eine Kirche unterstützen, die synodaler wird, gilt es all diese Gründe erst einmal anzuerkennen und Gleichgültigkeit nicht zu verurteilen. Darüber hinaus bin ich selber herausgefordert, eine solche Kirche auf die Weise mitzugestalten, dass das Attraktive und Verheißungsvolle darin sichtbar wird. 

Sie sagen, dass Synodalität Zeit und Kraft erfordert und nicht bedeutet, sich am Ende auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Wie begründen Sie ungeduldigen und eher ziel- als prozessorientierten Menschen, warum dieser Weg trotzdem gut und sinnvoll ist?

Auch prozessorientierte Wege wollen zu einem Ziel finden. Sie betonen dabei nur stärker, dass die im Prozess gemachten Erfahrungen selbst Teil des Ergebnisses sein können. Ich bin in manchen Themen selbst ungeduldig und würde mir schneller Veränderungen wünschen. Aber ich muss auch sehen, dass Menschen, die nicht weniger zur Kirche gehören und nicht weniger vom Geist Gottes beseelt sind, sich in diesen Themen etwas ganz anderes vorstellen. Die Frage ist doch: Wie kann Einigung aussehen, die Einheit stärkt? Zugleich ist es Ziel der Kirche, das Evangelium heute glaubwürdig zu verkündigen und zu verkörpern und dazu braucht es ständig Umkehr und Veränderung. Das fordert alle heraus, sowohl die Ungeduldigen als auch die Behäbigen.

„Auch wer gegen mich ist, hat den gleichen Geist Gottes wie ich“: Dieses Urvertrauen gehört für Sie untrennbar zur Synodalität. In einem weltlichen Kontext von Polarisierung und Populismus klingt das nahezu unrealisierbar. Oder?

Auf jeden Fall ist es äußerst anspruchsvoll. Zugleich gilt, was auch für andere biblische Ansprüche wie die Liebe zum Nächsten und zum Fremden oder die Hingabe an den Willen Gottes gilt: Wäre es einfach, wäre es kein Zeugnis. Gerade in gesellschaftlichen Kontexten, in denen durch Polarisierungen Konflikte eher verschärft werden, können wir in den Kirchen mit dem Bewusstsein der einenden Gegenwart Jesu unter uns zeigen, dass Polaritäten und Konflikte nicht auseinandertreiben müssen.

Michael Berentzen, Priester aus Deutschland, 42 Jahre alt, schreibt an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, seine Doktorarbeit über Synodalität. Während der Synode der Weltkirche in Rom war er als Assistent des Synodensekretariats tätig. Das Interview führte Tina Rudert.

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