„Menschlichkeit und Widerständigkeit gehören eng zusammen“

von Peter Forst

„Menschlichkeit leben“ lautet der Untertitel der Zeitschrift NEUE STADT. Ja, die Welt ist voller Menschlichkeit! So machen wir uns in der Redaktion für jede Ausgabe auf die Suche nach Personen und Initiativen, nach Nachrichten und Tendenzen, die dies zeigen. Ähnliches gilt für die Fokolar-Bewegung und ihre Mitglieder, Freundinnen und Freunde: Sie wollen das Positive erkennen und an das Gute in jedem Menschen glauben; es suchen, wenn es sich nicht sofort zeigt. Sie bemühen sich, jede Person zu lieben und sich auf sie einzulassen. „Sich eins machen“, heißt das bei den Fokolaren. 

Ein gutes Leben nicht nur für sich selbst

Warum beschäftigt sich dann die aktuelle Ausgabe auf 16 Seiten mit dem Thema „Widerständig leben“? Eine erste, vielleicht überraschende Aussage dazu kommt von unserem Interviewpartner, dem Theologen und Soziologen Ferdinand Sutterlüty: „Widerständigkeit und Menschlichkeit“, so sagt er, „gehören eng zusammen“. Menschen, die widerständig leben, suchten nicht nur ein gutes Leben für sich selbst, sondern auch für andere. Menschlichkeit leben verlangt nicht nur, sich für das als gut Erkannte einzusetzen, sondern auch, zumindest nicht mitzumachen, wenn man etwas für falsch hält. Oder sogar etwas dagegen zu tun. 

Wo endet Toleranz? Wo wird das „Sich-eins-Machen“ einseitig oder naiv und damit falsch? Fragen, denen wir uns stellen müssen, und die nicht immer eine schnelle und eindeutige Antwort haben. Zu dieser Spannung passt auch die Aussage von Jesus, der sagt, wir sollten „in der Welt“ leben, ohne „von der Welt“ zu sein. Ich verstehe sie so: Christen können die Welt als Schöpfung Gottes bejahen, ohne so mit ihr verhaftet zu sein, dass alles gleich gültig wird. Sie können Abstand nehmen, um Situationen und Entwicklungen mit den Maßstäben des Evangeliums zu beurteilen. Sie können der Vereinnahmung etwa durch Politiker widerstehen, die für sich in Anspruch nehmen, christliche Werte zu verteidigen und dabei die Menschlichkeit mit Füßen treten.

Die Bedeutung des Gewissens

Widerständigkeit ist eine höchst persönliche Sache. Sie verlangt, auf das Gewissen zu hören: Wo fühlt sich etwas falsch an? Wo ist es wichtig, etwas zu sagen, etwas zu tun? Nicht zur schweigenden Mehrheit zu gehören, nicht passiv zu bleiben? Wo ist es nötig, einem anderen Menschen den Rücken zu stärken? 

Widerständigkeit kann auf das persönliche Zeugnis begrenzt bleiben. Sie kann aber auch dazu führen, dass man sich mit anderen zusammentut, um sichtbarer zu werden und so vielleicht mehr zu erreichen.

Widerständigkeit verlangt, sagen zu können, was man erreichen möchte. Es genügt nicht nur, gegen etwas Flagge zu zeigen; es geht auch um ein positives Ziel. Was könnte das sein? Das Leben, die Familie, die Freiheit, die Gleichheit, die Geschwisterlichkeit, die Menschenwürde, Gerechtigkeit, Demokratie, das Vertrauen in den Rechtsstaat, die Natur, ...

Frust ist nicht gleich Widerständigkeit

Und schließlich: Widerständigkeit ist nicht automatisch gerechtfertigt oder gut. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass sich Gemeinschaften der Unzufriedenen bilden. Im öffentlichen Diskurs und insbesondere in den sozialen Medien lassen sie ihren Frust ungefiltert heraus - und das immer aggressiver. Das geht so weit, unsere Gesellschaftsordnung, „den Staat“, „die Eliten“ zu bekämpfen und das Recht auf Widerstand für sich in Anspruch zu nehmen, weil wir angeblich in einer Diktatur lebten.

Widerständig leben, so hat es Ferdinand Sutterlüty beobachtet, heißt, in Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen zu handeln. Deshalb, so sein Eindruck, sind solche Menschen oft mit sich selbst im Reinen. Ist das nicht eine schöne Aussicht?

 

Dies ist ein gekürzter Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift NEUE STADT. Möchten Sie auch die weiteren Beiträge zum Thema „Widerständig leben“ lesen? Dann können Sie HIER ein Probe-Heft anfordern oder ein Abonnement abschließen.