Feminismus tut allen gut
von Peter Forst
„Ich habe keine Lust mehr, Männern zu erklären, warum Feminismus wichtig ist.“ So die zentrale Aussage einer 22-Jährigen in ihrem Beitrag für die Zeitschrift NEUE STADT. In einer Zeit, in der sexualisierte und digitale Gewalt zunehme, sei der Einsatz für die Gleichstellung mehr denn je eine Aufgabe auch für die Männer. Sie müssten sich kundig machen und ihre Stimme erheben – gerade auch gegenüber anderen Männern.
Das ist umso wichtiger, als es unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine gegenteilige Entwicklung gibt, die Manosphere: Männer sollten dominant, emotional unberührbar und überlegen sein, während Frauen abgewertet oder als Ursache männlichen Leids dargestellt werden.
Auch für viele Ältere ist Feminismus ein Reizwort. Sie sehen zwar, dass es Ungleichheiten gibt, doch empfinden sie Feministinnen (und Feministen) als schrill und übertrieben. Und religiöse Menschen traditioneller Prägung betrachten Feminismus häufig als Angriff auf die Familie und als Verwischung der natürlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Gegen diesen Trend behauptet die NEUE STADT: „Feminismus tut allen gut“. Feminismus – so der Grundgedanke – meint nichts anderes als „Niemand wird benachteiligt – und niemand wird bevorzugt.“ Die unbestrittene Verschiedenheit von Mann und Frau ist über Jahrhunderte als Vorwand genutzt worden, um Frauen zu benachteiligen oder gar zu unterdrücken. Diese Benachteiligung hatte und hat vor allem strukturelle Gründe. Es sind tief verankerte Prägungen, die Frauen trotz rechtlicher Gleichstellung schlechter stellen. Feminismus ist deshalb kein Kampf gegen Männer, sondern gegen Strukturen, die Frauen systematisch benachteiligen: Frauen verdienen im Schnitt deutlich weniger als Männer. Sie leisten den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Sie sind in Politik und Aufsichtsräten unterrepräsentiert. Die hohe Anzahl von Minijobs unter Frauen führt zu unsicherer Beschäftigung und Altersarmut. Medizinische Forschung und Behandlung richten sich oft am männlichen Körper aus.
Dass mehr Gleichberechtigung gut für Frauen ist, erschließt sich also recht schnell. Aber wieso sollte sie allen guttun, auch Männern? Vielleicht lassen folgende Gedanken ein wenig davon erahnen: Männer müssen nicht mehr ausschließlich stark sein. Sie können Gefühle zeigen und sich entfalten, ohne allein auf Macht zu setzen. Durch die Aufteilung der Care-Arbeit gewinnen Männer mehr Lebensqualität, Zeit für ihre Kinder und eine intensivere partnerschaftliche Beziehung. Wenn der Druck abfällt, Haupternährer sein zu müssen, sinkt das Risiko für Stresserkrankungen. Die Lebenserwartung steigt. Wenn Frauen finanziell unabhängig und gleichgestellt sind, entstehen Partnerschaften auf Augenhöhe, die seltener durch Machtkämpfe belastet sind. Männer können Berufe ergreifen, die ihren Talenten entsprechen, auch wenn diese als „feminin“ gelten, ohne belächelt zu werden.
Feminismus als Chance für alle zu begreifen, verlangt auch etwas von allen – vermutlich ein bisschen mehr von uns Männern: die Bereitschaft, Frauen zuzuhören; sie ernst zu nehmen; sich vielleicht an ihren Aussagen zu reiben, aber bereit zu sein, von ihnen zu lernen und Konsequenzen aus dem Gelernten zu ziehen. So können wir einer Gleichheit näherkommen, die nicht Gleichmacherei, sondern Gleichstellung bedeutet.
Dies ist ein gekürzter und überarbeiteter Beitrag von Peter Forst aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift NEUE STADT. Möchten Sie auch die weiteren Beiträge zum Thema „Warum Feminismus allen gut tut“ lesen? Dann können Sie HIER ein Probe-Heft anfordern oder ein Abonnement abschließen.