Wort des Lebens für April
„Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“ (Lukas 24,29)
Zwei Jünger verlassen Jerusalem, entmutigt durch den Tod Jesu am Vortag. Sie hatten so große Hoffnungen gehegt, und nun scheint alles verloren. Auf dem Weg zum Dorf Emmaus schließt sich ihnen ein Fremder an. Er hört sich ihre Sorgen an und erklärt ihnen dann die Heilige Schrift: Es wird ihnen warm ums Herz, ohne dass sie wissen, wer er ist. Als sie im Dorf ankommen, tut der Fremde so, als wolle er weitergehen. Sie aber laden ihn nachdrücklich ein: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“ Der Fremde willigt ein. Während des Abendessens nimmt er Brot, lobt Gott und gibt es den Jüngern – und ist dann plötzlich nicht mehr zu sehen. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass es Jesus ist. Sofort kehren sie nach Jerusalem zurück, um den anderen Jüngern die große Nachricht zu verkünden, dass Jesus, der Herr, auferstanden ist.
„Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“ Diese Worte scheinen einfach, fast banal. Dennoch erkennen einige Kirchenväter darin den Schrei der menschlichen Seele, die nicht in der Dunkelheit versinken will: Ohne Christus überzieht die Nacht alles, aber mit ihm wird sogar die Nacht zum Licht. Andere betonen, dass Jesus vorgibt, sich zu entfernen, um unseren Wunsch zu wecken, ihn zurückzuhalten: Er wartet darauf, dass wir ihn einladen. Für Augustinus symbolisiert das Wort „Bleibe bei uns“ unser Gebet und unser Verlangen nach der bleibenden Gegenwart Christi – nicht nur bei einer Mahlzeit, sondern im ganzen christlichen Leben.
„Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“
Diese Bitte der Jünger ist auch unsere Bitte. Auch heute gibt es viele Nächte. In unserer Welt sind es Kriege, Ungerechtigkeiten, Gewalt, aber auch die zunehmende Einsamkeit, die spirituelle Leere, das Leiden der verwundeten Schöpfung. In unserem persönlichen Leben zeigen sich die Nächte in Form von Krankheit, Trauer, Angst, Entmutigung und so vielen anderen Formen der Verzweiflung.
Es gibt auch innere Nächte: die „Nacht des Glaubens”, in der Gott abwesend und das Gebet nutzlos erscheint. Manche sprechen gar von einer „Nacht des Geistes”, einer Dunkelheit, in der jeder Trost verschwindet. Eine schmerzhafte Prüfung, in der Gott tief in uns wirkt, um uns mit sich zu vereinen.
Diese Nacht hat Jesus erlebt, als er am Kreuz rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). Chiara Lubich schreibt, dass er alle unsere Nächte durchlebt hat, „er ist die dunkle Nacht, in der das Licht zu Finsternis … wurde“[1]. Seitdem sind unsere Nächte von seiner Gegenwart erfüllt und können zu einem Ort der Begegnung mit ihm werden. Allein erlebt, kann die Finsternis erdrücken; geteilt in gegenseitiger Liebe, kann sie ihren Schrecken verlieren, sogar verschwinden und Platz machen für die vom Evangelium zugesagte Freude.
„Bleibe bei uns; denn es wird Abend.“
Diese Worte der Jünger aus der Erzählung des Lukas sind uns heute als Gebet gegeben, das wir zu unserem eigenen machen können. In unseren persönlichen Nächten und in den Nächten der Welt können wir es voller Zuversicht sprechen.
Vor einigen Jahren durchlebte ich nach einem Konflikt am Arbeitsplatz eine solche Nacht. Sie dauerte mehr als zwei Jahre. Dieses Gebet „Bleibe bei mir“ kam mir oft in den Sinn und auf die Lippen. Ich teilte meine Erfahrungen mit einer christlichen Gruppe. So entstand eine kraftvolle Einheit, mit der geistlichen Gegenwart des Auferstandenen unter uns. Das gab mir Mut und Licht – und mir öffneten sich neue Wege.
Christus antwortet denen, die ihn einladen. Er bleibt bei ihnen durch sein erleuchtendes Wort; durch das geteilte Brot, in dem er sich selbst gibt; durch die Gegenwart von Brüdern und Schwestern, manchmal auch in Gestalt eines Fremden. Der Auferstandene, der alle dunklen Täler durchschritten hat, begleitet uns in unseren eigenen. Zögern wir nicht, ihn in unsere Mitte zu rufen, indem wir in seinem Namen vereint sind, und gehen wir mit den Jüngern von Emmaus hinaus, um diese frohe Botschaft zu verkünden: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden.”[2]
Einige Anregungen zum Nachdenken und zum Austausch:
- Wo erlebe ich Finsternis, Nacht, Uneinheit?
- Kann ich diese Erlebnisse mit anderen teilen? Mit wem?
- Habe ich Sehnsucht nach der spürbaren Gegenwart von Jesus?
- Wo habe ich Trost, Hilfe, Licht gefunden oder gar Auferstehung erlebt?
Martin Hoegger, Lausanne
© Alle Rechte an der deutschen Übersetzung beim Verlag NEUE STADT, München
Das „Wort des Lebens“ erscheint auch in der Zeitschrift NEUE STADT. Eine kostenlose Probenummer oder ein Abonnement (jährlich € 49,- bzw. CHF 66.90) können Sie bestellen bei: Redaktion NEUE STADT, Hainbuchenstraße 4, 86316 Friedberg, redaktion@neuestadt.com oder bei Verlag Neue Stadt, Heidengasse 5, 6340 Baar, verlag@neuestadt.ch
[1] Giuseppe Maria Zanghí in Nuova Umanità, XXXVI (2014/4-5), S.352 (eigene Übersetzung)
[2] vgl. Lukas 24,34